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Gastbeitrag M.Gratz: MARTIN POHL (1930-2007)

Entnommen aus: Verweis auf... LYRIKZEITUNG 10/07

Michael Gratz zum Tode von Martin Pohl (+ 23.9.07)

Eine traurige Lesefrucht der Reise: In Berlin setzte ich mich auf einen Platz mit einer zurückgelassenen Zeitung: Nordkurier/ Neubrandenburger Zeitung vom 29./30.9. Im Kulturteil auf Seite 1: "Lyrik der Heimatlosigkeit: Martin Pohl gestorben". Traurig wie die Nachricht die Tatsache, daß ich es ohne die im Zug gefundene Zeitung wohl gar nicht erfahren hätte. Bis jetzt jedenfalls habe ich keine andere Nachricht gefunden. Wer kennt Martin Pohl? Wer interessiert sich für einen Dichter, der nicht oder nicht mehr ins "Hochfeuilleton" kommt?

Martin Pohl wurde in Schlesien geboren und kam nach dem Krieg nach Berlin. Er wurde "Meisterschüler bei Bert Brecht" und veröffentlichte Gedichte. 1953 verschwand er aus dem öffentlichen - und literarischen - Leben direkt ins Zuchthaus unter dem Vorwurf der Spionage für den Feind. Nach zwei Jahren - Brecht hatte zu seinen Gunsten interveniert - kam er vorzeitig frei, konnte aber nicht mehr publizieren und ging in den Westen, wo er sich als Tellerwäscher, Bürobote und "Dichtervagabund" durchschlug. "Die DDR hat mir den Knast eingebracht, die BRD die Klapsmühle", sagt er 1994 in dem Dokumentarfilm "Ich bin mit meiner Angst allein". Nach jahrzehntelanger Trennung findet er seine Tochter wieder, Wera Koselleck, aus seiner gescheiterten Ehe mit der staatstreuen DDR-Schriftstellerin Margarete Neumann (Lesern bekannt als Mutter des - verschollenen, abgetauchten? - Schriftstellers Gert Neumann). Ihr folgte er nach Neubrandenburg. Ein Sonett schrieb er über den Tod Ulrike Meinhofs. Das letzte Terzett:

Wem aber nützt ein Kampf aus einer Gruft?

Jetzt zieht geduldige Ungeduld vom Leder

Und trifft beim ersten Steinwurf leere Luft.

Ein anderes Gedichte erinnert in vier Strophen vier Todesnachrichten - Brecht, Celan, Ingeborg Bachmann und Johannes Hübner. Jetzt müssen wir ihn dazuschreiben. Seine Sonette und Ghaselen sollen gelesen werden:

"Gedichte 1950 - 1995" - Berlin: UVA 1995

"Nur ein Erinnern traumumflort. Ghaselen, Sonette und andere Gedichte." Neubrandenburg: federchen Verlag, 2002


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Martin Pohl
von:H.ToussainT
online seit 03.10.2007
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